Ein Kunstwerk muss zunächst einmal gar nichts leisten. Es muss keine Funktion erfüllen, keine Botschaft transportieren und zu keinem messbaren Ergebnis führen. Darin unterscheidet es sich von fast allem, womit wir unseren Alltag bestreiten. Es darf einfach nur da sein.
So wie die Drachen, die an einem Septembernachmittag im Himmel über dem Tempelhofer Feld standen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dieses Farbenspiel auf seinen Nutzen hin zu befragen. Beim Fotografieren mit einer halben Sekunde Belichtungszeit wurde daraus etwas anderes. Durch ihre Bewegung haben sich die Konturen und Formen der einzelnen Drachen aufgelöst, ihre roten und weißen Stoffbahnen wurden zu fließenden Streifen. Das Foto zeigt etwas, das es so nur in der Aufnahme gibt. Mir gefällt das.
Was keinen Zweck hat, gilt schnell als entbehrlich. Immanuel Kant sprach von einem Wohlgefallen „ohne alles Interesse“. Ein schöner Gegenstand gefällt, ohne dass wir ihn besitzen, benutzen oder mit ihm etwas erreichen müssen. Das ist ungewohnt in einer Welt, in der fast alles daran gemessen wird, was es leistet.
In Mark Andres Klarinettenkonzert »über« tauchen Klänge auf und verschwinden wieder. Ton und Geräusch reiben sich aneinander, manches ist kaum zu hören. Wer eine Weile zuhört, bemerkt Dinge, die anfangs überhört wurden. So ging es auch mir beim ersten Hören.
Menschen können im selben Konzert sitzen und sehr Verschiedenes erleben. Einer ist tief berührt, ein anderer langweilt sich, jemandem fällt plötzlich ein einzelner Klang auf, der für alle anderen bedeutungslos bleibt. Darüber muss am Ende nicht abgestimmt werden. Für eine Zeit haben sie dieselbe Gegenwart geteilt.
Beim Fotografieren gibt es etwas Ähnliches. Ich kann Ausschnitt, Belichtungszeit und Zeitpunkt bestimmen. Was später jemanden an einem Bild festhält, lässt sich kaum planen. Roland Barthes nennt ein Detail, das einen Betrachter unvermittelt trifft, punctum. Bei den Drachen können es die roten Bahnen sein, die blaue Kugel, eine undeutliche Figur am unteren Bildrand oder etwas, das ich selbst kaum beachtet habe.
Kunst kann wirken: Sie kann politische Fragen berühren, trösten, provozieren oder Menschen zusammenbringen. Schwierig wird es, wenn eine solche Wirkung von vornherein feststehen soll. Dann wird das Kunstwerk zum Mittel für einen Zweck, der außerhalb seiner selbst liegt. Was ein Bild, ein Musikstück oder ein Gedicht bei jemandem auslöst, lässt sich nur begrenzt steuern.
Ein Klang kann Bedeutung bekommen, ohne dass sich vorher festlegen lässt, welche. Auch ein Foto behält sein Eigensein und sein Geheimnis.
Kunst hält einen Raum frei, in dem etwas geschehen kann, dessen Nutzen sich vorher nicht angeben lässt.
Ich freue mich über Rückmeldungen, gerne per Nachricht. Wenn etwas aus diesem Text weiterklingt und seinen Weg in andere Zusammenhänge findet, bin ich für einen kurzen Hinweis dankbar. Auf Wunsch informiere ich Sie auch über neue Texte.
© Carsten Albrecht, Berlin 2026