[Hinweis: Protokoll ∄ mobil]
Mit der Fotoserie evidence gehe ich Bildern nach, die spontan aufblitzen, in der Wirklichkeit aber nicht existieren. Oft hinterlassen sie etwas, das sich nicht mehr ablegen lässt. Nichts davon ist zu greifen, und je länger die Suche dauert, desto unbegreiflicher wird, was zu finden ist.
Ein durchdachtes Protokoll soll Struktur geben. In ihm sind alle Einträge vollständig: Koordinaten sind gesetzt, Kategorien vergeben, Statusfelder ausgefüllt. Die Sprache bleibt funktional, die Abkürzungen konsistent. Aber kein Bildmotiv lässt sich so erkennen, dass es zweifelsfrei Bestand hat. Alles weicht zurück, und das Protokoll wird immer unerklärlicher.
Da ist ein Objekt, das der Schwerkraft keine Antwort gibt. Ein Lichtstrahl, der sich wie eine Fläche verhält. Ein Raum, der seine Grenzen nicht preisgibt. Die protokollarische Erfassung läuft, aber ein auslösender Impuls gibt sich nicht her. Der Kontakt bricht ab. Für die wachsende Lücke ist im System kein Feld vorgesehen.
*
Am Ende bleibt eine Apparatur, die aufhört zu empfangen, wofür sie einmal angelegt wurde; sie verselbständigt sich. Eine bestimmte Menge an Bezeichnungen steht ihr zur Verfügung; was sich nicht einfügt, existiert für sie nicht. Stur setzt sich die Aufzeichnung fort, bis sie ins Leere läuft.
Wo diese Unfähigkeit zur Öffnung durchschaut wird, beginnt Erkenntnis jenseits des Protokolls. Die beschränkte Sprache wird zur Form, in der Neues zugänglich wird, als etwas Unscharfes, nicht Festschreibendes, nicht Valides. Es erfolgt eine Rückführung an den Punkt, an dem Sprache noch nicht begonnen hat.
*
Als Archiv dokumentiert evidence genau das, was sich dem Apparat entzieht. Das Protokoll gerät zu Stückwerk, doch das Unvollständige hat Methode: Indem es Kategorien beharrlich anwendet, ohne das Wesentliche zu erfassen, zeigt es, wo Begriffe enden. Es macht die Lücke sichtbar, die sich nicht mehr auffüllen lässt.
Die Serie bleibt unabgeschlossen. Ihre Einträge erweitern das Protokoll, ohne es je zu vollenden. Ein Archiv, das seinen Gegenstand nie ganz erreicht, bleibt in Bewegung. Indem es seine eigene Unvollständigkeit mitführt, beschreibt es mehr als jedes geschlossene System.
Fünf Bilder sind hier bisher zugänglich; andere entziehen sich der Verfügbarkeit, und wieder andere stehen noch aus. Um das Protokoll zu lesen, bitte auf einen Desktop wechseln.
Ich freue mich über Rückmeldungen, gerne per Nachricht. Wenn etwas aus diesem Text weiterklingt und seinen Weg in andere Zusammenhänge findet, bin ich für einen kurzen Hinweis dankbar. Auf Wunsch informiere ich Sie auch über neue Texte.
© Carsten Albrecht, Berlin 2026